Das Problem mit dem Trendhandel – das Warten auf den „Big Short“

 

Der Trend nach oben an den US-Aktienmärkten dauert an. Mit Beginn des neuen Jahres hat die ohnehin schon starke Aufwärtsdynamik sogar noch weiter zugenommen. So hat der Dow Jones Index seit dem vorbörslichen Tief am Tag der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten schon mehr als 9.000 Punkte zugelegt. Valide Umkehrsignale, die ein Ende dieses fulminanten Anstiegs andeuten könnten, sind nach wie vor nicht auszumachen.

Es soll nun in diesem Artikel auch nicht darum gehen, etwaige Kursziele bzw. Umkehrzonen zu identifizieren, vielmehr soll hier auf das Handeln vieler Trader selbst eingegangen werden. Nur so viel zum Markt: Ich denke, dass der Dow Jones mindestens noch bis in den Bereich zwischen 29.000 und 30.000 Punkten vorstoßen wird, eher es zu etwas kommen kann, dass den Namen „Korrektur“ auch wirklich verdient.
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The trend is your friend – Oder doch nicht?

Werfen wir einmal einen Blick auf das große Bild des Dow, den Wochenchart:

Warten auf den "Big Short" - Bisher klar ohne Erfolg
Dow Wochenchart – Big Short nicht in Sicht

 

Was sehen wir in diesem Wochenchart? Wohl einen Aufwärtstrend. Ich denke, da wird mir niemand widersprechen. Man sollte meinen, die privaten Daytrader hätten gerade die Zeit ihres Lebens. Es sieht tatsächlich so aus, als bräuchte man nur Long zu gehen und schon würden die Kassen wie von selbst klingeln. Nun treibe ich mich in einigen Trading-Foren und in sozialen Netzwerken herum und stelle immer wieder fest, dass viele Daytrader diesen klaren Aufwärtstrend nicht zu ihren Gunsten zu nutzen wissen.

Viele trauen dem Trend nicht, bleiben an der Seitenlinie oder -und da wird es dann wirklich problematisch- shorten vehement seit Monaten gegen den Trend. Immer wieder lese ich „Es muss doch mal fallen!“ oder „Es wird bald knallen!“. Ja, es wird mal wieder fallen, dann vermutlich auch heftig. Nur davon scheint der Markt noch nichts zu wissen. Die Party dauert an, die Kurse steigen, zuletzt mit ansteigender Dynamik.

Doch ich lese immer wieder Kommentare, die sinngemäß lauten: „Ich habe lieber den DAX gehandelt, da gibt es nicht nur eine Richtung!“

 

Trader mit Trend-Aversion?

Betrachten wir zwei Charts vom vergangenen Freitag (26.01.2018), zunächst den DAX, darunter den Dow:

Warten auf den "Big Short"
DAX-Chart
Warten auf den "Big Short"
Dow Chart

Wo war es wohl einfacher, ohne große Arbeit und die Gefahr des Overtradings, Geld zu verdienen? Ich denke, im unteren Markt, im Dow. Wie man sieht, fand der DAX im oberen Chart zunächst keinen klaren Trend und zog dann erst nachbörslich zusammen mit der Wall Street deutlich an. Der Dow hingegen kannte fast von Beginn an nur eine Richtung: nach oben.

Natürlich, rückblickend ist das sehr einfach gesagt.

Dennoch ist es ein Fakt, dass man mit Only-Long-Trades im Dow seit mehr als einem Jahr einen deutlichen statistischen Vorteil hat, während der DAX sich zuletzt relativ unberechenbar seitwärts bewegt. Dies ist in allen Zeiteinheiten ersichtlich. Man muss sich die Frage stellen, warum viele Trader Märkte bevorzugen, die keinen klaren Trend aufweisen, statt einen Index zu wählen, in dem man mit Only-Long-Setups seit über einem Jahr einen klaren statistischen Vorteil hat.

 

Der „Big Short“ – Eine Illusion

Viele Daytrader warten auf den großen Knall am US-Aktienmarkt und träumen von mehreren tausend Short-Punkt. Allerdings denke ich, dass diese Trader auch mit einem bearishen Markt nicht glücklich werden. Fakt ist: Wir sehen seit über einem Jahr einen starken Aufwärtstrend. Es gab keinen Grund, gegen diesen Trend vehement Short-Positionen aufzubauen.

Ich will damit nicht sagen, dass sich aus einem volatilen Markt im kurzfristigen Bereich nicht auch ein paar schnelle Short-Punkte kitzeln lassen. Dennoch ist der Wunsch die „Mutter der Downmoves“, also den Big Short einzufangen, eine Illusion. Benennen wir doch klar die Fakten: Den Tradern, denen es nicht gelungen ist, von diesem außerordentlich starken Bullenmarkt zu profitieren, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht von einem Abwärtstrend profitieren können.

Ich habe inzwischen jahrelang die Sentiment-Daten der Privatanleger beobachtet und diese sprechen ein eindeutiges Bild: Während die Privaten über lange Strecken stoisch gegen einen Aufwärtstrend shorten, wechseln sie relativ schnell zurück ins Bullenlager, wenn der Markt doch mal ins Rutschen kommt. Ich spreche an dieser Stelle nicht aus einem vermessenen Überlegenheitsanspruch heraus, sondern beziehe mich explizit auf verschiedene Sentiment-Indizes der privaten Trader, die ich seit Jahren täglich beobachte.

Trendhandel an der Börse - Bullenmarkt
Trendhandel an der Börse – Bullenmarkt Wall Street Dow Jones

Buy the Dip Konditionierung – Gefahren für derzeit erfolgreiche Trader

Selbstverständlich gibt es derzeit auch viele Daytrader, die sehr gut von dem Aufwärtstrend an den US-Märkten profitieren und satte Gewinne einfahren. Ein gängiges Schlagwort geworden ist „Buy the fucking dip!“ („Kauf den verdammten Rücksetzer“). Hierbei wird ein kurzer, dynamischer Abverkauf am Markt abgewartet, um dann nach verschiedenen Techniken (Doppelboden, Fibonacci-Retracements und anderen Trading-Setups) ausschließlich in Long-Richtung einzusteigen und dabei (ganz oder fast ausschließlich) Short-Setups zu ignorieren.

Aber Vorsicht: Derzeit verzeiht der Markt auch typische Anfängerfehler wie ein Traden ohne Stop Loss oder gar das gefährliche Pyramidisieren im Verlust. Es besteht hier durchaus die Gefahr, dass der Markt manche Trader auf schlechte Angewohnheiten konditioniert, die böse Folgen haben können, wenn die Kurse doch auf einmal schnell und dynamisch den Weg gen Süden einschlagen sollte.

Trotz des nach wie vor intakten Aufwärtstrends bleibt das Trading also auch für Trend-orientierte Händler ein Risiko. Free money gibt es nicht und wird es nie geben.

Achten Sie also auf Ihr Geld!

Bis zum nächsten Mal

Ihr Thorsten Kock

Thorsten Kock
Über Thorsten Kock 7 Artikel
Thorsten Kock hat sich auf Ausbruchshandel und Scalping unter Zuhilfenahme mechanischer Ein-/Ausstiegsregeln spezialisiert. Unter Verwendung klassischer Methoden der Charttechnik optimiert er diese ständig und lässt Sie hier daran teilhaben.

6 Kommentare

  1. Kommentar auf Wallstreet-Online heute, ein paar Minuten alt:
    „F… off …ausgerechnet heute musste ich ja Gewinne sichern… scheiss auf diesen Spruch! Einfach laufen lassen, aber nein nimm Gewinn mit und verpasse den grossen Rutsch. Super! mit dem geshorte so viel geld verloren und jetzt mit dem peanuts abspeisen lassen.“

    • Jo, ein klassischer „Dauershortie“ wird im Rutsch kein Geld verdienen. Ich bin zwar auch eher ein Bär, das ändert sich aber nicht, weil es mal 500 Punkte rutscht… 😉

  2. Welche Sentiment-Angaben nutzt du für DAX und DOW? Insbesondere beim DOW habe ich bisher nicht wirklich etwas verwertbares gefunden?

    • Beim DAX den Klassiker; EUWAX-Sentiment.
      Im Dow ist es schwieriger, oftmals gucke ich da auf Tradingview auf die Put/Call-Ratio, was aber nicht so gut als Kontraindikator funktioniert, da dort auch die Instis einfließen.
      Recht gut ist das Sentiment von IG, aber das kann man nur längerfristig betrachten und ist nicht intraday verfügbar.
      Aber zu Beginn der Dow-Rallye waren da an die 90% der Trader short über Monate hinweg.

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