Kritische Grenzen der Märkte: Ab wann droht eine Gamma Bombe?

Kritische Grenzen der Märkte: Ab wann droht eine Gamma Bombe
Kritische Grenzen der Märkte: Ab wann droht eine Gamma Bombe
 

Erst vor einigen Tagen stolperte ich über eine Aussage von einem „Insider“, wie man denn solche Low Volatility, Target Volatility oder Risk Parity Funds Synthetisch abbilden kann. Eine in meinen Augen sehr interessante Information, denn so kann abgeschätzt werden ab welcher Intensität der Tages Varianz es an den Märkten riskant wird. Einfach gesagt eine Gamma Bombe im Finanzsektor droht.

 

Bevor wir zu der Gamma Bombe kommen und ab welchem Punkt sie droht, soll kurz der Weg hin zu dieser Grenzfindung aufgezeigt werden.

In diesem Text erfahren Sie:

  • Wie wird ein Portfolio mit konkaven Profil synthetisch erzeugt?
  • Wie wirkt der Faktor Zeit auf die Marktteilnehmer
  • Wo befindet sich der kritische Punkt an den Börsen?

 

Synthetische Erzeugung eines Konkaven Funds Profils

Convexity Maven berichtete im Juli 2017, dass auf der Equity Derivatives Conference (EQD) die Frage aufkam, ob und wenn ja, wie ein Low Volatility, Target Volatility oder Risk Parity Funds Portfolio synthetisch darstellen könnte. Die Antwort war überraschend einfach.

Um ein solches Portfolio synthetisch zu erzeugen wird der Index gekauft und dazu wird ein +/- 4% Out of the Money Strangle verkauft.

Financial Futures und Optionen – Ein Einblick

Die Positionierung:

  • Long Index
  • -4% OTM Short Put (-P)
  • +4% OTM Short Call (-C)

Das Risiko Rendite Profil dieser Positionierung in vereinfachter Darstellung:

R/R Profil des Synthetischen Portfolios vs. Long Index
Risiko Rendite Profil des Synthetischen Portfolios vs. Direkt Investment in den Index

Bleibt alles normal und damit die Varianz gering, ist diese Strategie dem puren Index Investment klar überlegen. Jedoch stimmt die Beobachtung nur oberflächlich und birgt ansonsten kaum zu kontrollierende Risiken. Schon hier in der vereinfachten Darstellung erkennt man die Konkave Ausrichtung der Strategie. Wird dieser, durch die Strikes der verkauften Optionen definierter Bereich verlassen, dann kann es richtig ungemütlich werden. Besonders zur linken Seite der Verteilung hin, beschleunigt sich sogar der Verlust dieser Strategie und der ehemalige Vorteil wandelt sich in einen Gefährlichen Nachteil. Doch auch auf der rechten lauern Gefahren.

Die folgende Abbildung zeigt eine etwas realistischere Darstellung dieser Strategie, unter der Voraussetzung, dass nicht in das bestehende Portfolio eingegriffen wird. Bemerkenswert ist es, dass auch auf der rechten Seite Verluste entstehen können. Diese Short Volatility Strategie ist damit beidseitig Konkav.

Risiko Rendite Profil des Synthetischen Portfolios vs. Direkt Investment (Equity Beta) und Direkt Investment (Equity Beta) meets Crisis Alpha

Die Wette auf die Normalität, also auf eine niedrige Volatilität, funktioniert nur innerhalb eines begrenzten Preisfensters. Sobald dieses schnell verlassen wird kann es für die Strategieanwender gefährlich werden. Das gilt besonders, wenn das gesamt Portfolio auch noch gehebelt ist.

Die Zeit spielt hierbei eine außerordentlich wichtige Rolle und darf deshalb nicht vergessen werden.

 

Die Komponente Zeit

Bewegt sich der Index über vier Wochen um vier Prozent in eine Richtung, dann ist das ungefährlich, da die Portfolien problemlos angeglichen werden können. Passiert eine solche Veränderung jedoch innerhalb weniger Stunden kommt es oft zu Panikartigen Eindeckungen der Positionen und dem parallelen auflösen des jeweiligen Hedge.

Es gibt zwei Möglichkeiten die dann eintreten können.

  1. Die Positionen und ihr Hedge werden aufgelöst. Der dadurch entstehende Kauf oder Verkaufsdruck reicht aus, um die Märkte zuerst aufzufangen und im Anschluss zu drehen. Das passiert, weil andere Marktteilnehmer die Chance war nehmen und von dem, durch die „Panik“ entstandenen, Mispricing profitieren wollen und können.
  2. Es reicht nicht aus und weitere Marktteilnehmer werden gezwungen zu verkaufen. Auch weil bei einer abrupten Bewegung die Volatilität schnell steigt, damit das erkannte Risiko und dazu die Liquidität oft im Nirvana verschwindet. Es kommt zu einer Schleife die am Ende zu einer Gamma Bombe führt.

In den vergangenen Jahren konnte immer wieder Variante 1 beobachtet werden.

 

Kurzbeschreibung Gamma Bombe

Die Gamma Bombe funktioniert folgendermaßen.

In dem Moment, in dem alle anfangen müssen Positionen abzubauen kommt hier das Gamma ins Spiel. Gamma bedeutet in dem Fall, dass sich aufgrund der positive Rückkopplungsschleife die Marktbewegungen immer weiter ausdehnen werden. Ein gutes Beispiel ist der 1987er Crash, bei dem die Portfolio Absicherungen in Form von Stopp Loss Ordern als Verstärker aber nicht als Auslöser dienten. Hier verstärkte jede Abwärtsbewegung in den Indizes und Aktien die darauffolgende Bewegung um x Prozentpunkte.

Da die Portfolios vieler Marktteilnehmer mittlerweile durch Modetrends gleichgeschaltet sind, kann es irgendwann zu einer breiten Entladung kommen. Solche bisher als Mini Flash Crashes bekannte Phänomene müssen nicht auf ein Underlying oder eine Assetklasse beschränkt bleiben. Hier spielt das Schwarmverhalten und die damit einhergehende Allokationsblase mit hinein.

Solche Auswirkungen konnten schon im Jahr 2015 im Kleinen beobachtet werden. Im August 2015 kam es zu sonderbaren Ereignissen innerhalb des ETF Universums.

Doch wo könnte die kritische Grenze liegen?

 

Die kritische Grenze

Da ein Low Volatility, Target Volatility und Risk Parity Portfolio auf dem oben beschrieben Weg synthetisch abgebildet werden kann, sind die durch die Strikes der Optionen vorgegebenen Grenzen entscheidend.

Um dieses im Chart darzustellen habe ich in diesem Zwei Bänder installiert. Beide basieren auf einem zwei Tage Gleitenden Durchschnitt und umfassen den Kurs mit +/-4% und +/- 6%.

Schauen wir uns nun von drei Extremereignissen der vergangenen Jahre die Charts einmal an.

 

BREXIT Wahl 2016

ES Chart um das BREXIT Event
ES Candle Tages Chart: Die Tage um das BREXIT Event

Als das Ergebnis des BREXIT Votums klar wurde, kam es zu einer extremen Bewegung. Sie führte dazu, dass der e mini S&P 500 Future (ES) von 2115 Punkten zur Eröffnung hin zu einem Tief bei 1999 Punkten absackte. Damit betrug die Bewegung hin zum Tief 5,48% und kam zwischen den beiden Bändern zu einem Halt.

Die untere Grenze der Bänder betrug zum Ende des vorherigen Tages 2011 Punkte und 1955 Punkte. Die oben beschriebene Variante 1 kam hier zum Zuge.

 

Trump wird Präsident

ES Chart zur Wahl Trumps
ES Candle Tages Chart: Das Trump wird Präsident Event

Das Trump wird Präsident Event ist wohl eines der krassesten Kapitel in der Börsengeschichte. Innerhalb kürzester Zeit sackte der ES in den Raum zwischen den Bändern ab, nur um sich kurz darauf wieder zu erholen und nahe des kurz darauf gebildeten Tageshochs zu schließen. Auch hier kam Variante 1 zum Tragen.

 

Volageddon 2018

Das Volageddon im ES
ES Candle Tages Chart: Die Tage um das Volageddon Event

Das Jahr 2018. Es fing außerordentlich gut an, nur um kurz darauf in einem beinahe Absturz zu münden. Dieses im Februar stattgefundene Volageddon Event spielte sich ein wenig dramatischer ab, als seine Vorgänger und man bekam für einen kleinen Augenblick das Antlitz einer Gamma Bombe zu Gesicht.

Es ist gut zu erkennen, dass aus der Bewegung, die am 02.02.2018 gestartet ist, fast eine Freak Wave geworden ist. Am 02.02.2018 verlor der Index über 2,6%, ein eigentlich recht bescheidener Wert. Doch er reichte aus, die Volatilität exponentiell ansteigen zu lassen.

Low Volatility Mythen

Der folgende Handelstag führte zu einer kleinen Lawine, die den ES sogar unter sein 6% Band führte, diese verlief zum Schluss des Vortages bei 2603 Punkten, doch das Tief lag bei 2595 Punkten. Erst dort kam genügend Kaufdruck auf, der den Future wieder in das Band hinein führte. Doch war es damit noch nicht getan und der folgende Tag Testete nochmals den Bereich zwischen den Bändern aus, hier kam es dann endlich zu einer starken Erholung und der Spuk war beendet.

Dieses Ende ging auch mit dem abebbenden Chaos im VIX Universum einher, denn dort hatte eine richtige Freak Wave zugeschlagen. Dieses Volageddon Event hatte damit die Züge von beiden Varianten und führte zu einer fast gänzlich verschwundenen Liquidität. Nur das Glück verhinderte das völlige eintreten der zweiten Variante, welche wohl in einer Kaskade ähnlich der von 1987 geendet wäre. Trotzdem scheint es, als hätte sich die Struktur leicht geändert, denn der alte Höchststand wurde noch nicht wieder erreicht.

Insgesamt sind die Bänder nicht als ein Hundertprozentiger Indikator anzusehen, doch sind sie ein gutes Warnsignal ab welchem Preisniveau es an den Märkten wirklich kritisch werden kann.

 

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