Das Schulden Versteckspiel – Carillion ist nicht allein!

Das Schulden Versteckspiel - Sie sind nicht allein
Das Schulden Versteckspiel - Sie sind nicht allein
 

Die Ratingagentur Fitch hat sich die Umstände der Carillion Pleite einmal genauer angeschaut, denn die Umstände waren obskur. Der Insolvenzantrag, welche die Unternehmung am 15. Januar 2018 stellte, schlug wie eine Bombe ein, dessen Folgen besonders in Großbritannien zu spüren waren.

Carillion ist nicht nur in der Bauwirtschaft tätig gewesen, sondern war auch einer der Facilitymanagement Anbieter schlechthin. Dem Konzern oblag in Großbritannien nicht nur die Versorgung von 900 Schulen mit Essen, auch andere Staatliche Aufgaben waren an sie abgetreten worden. Das Chaos war dementsprechend groß, doch soll uns das hier nicht weiter interessieren.

Ein Punkt der wesentlich interessanter ist, ist der Bilanzpunkt „Other Payables“ oder auch „Accounts Payable“ genannt.

 

Other Payables – Was verbirgt sich dahinter?

Hinter dem Punkt „Other Payables“ verbirgt sich eine Art des Factorings. Beim Reverse Factoring, auch bekannt als Lieferanten oder Einkaufsfactoring, sind drei Parteien beteiligt.

  1. Lieferant (oft kleinere Subunternehmer, mit schlechten bis gar keinen Kreditrating)
  2. Abnehmer (oft eine große etablierte Unternehmung, mit einem wesentlich besseren Kreditrating, als der Auftragnehmer)
  3. Factor  (Bank oder andere Finanzinstitutionen)

Diese drei Parteien stehen folgendermaßen in Beziehung:

  1. Der Lieferant erfüllt seine Verpflichtung gegenüber dem Abnehmer
  2. Dieser meldet die Pflichtmäßige Erfüllung dem Factor
  3. Worauf dieser dem Lieferanten die entstandene Forderung begleicht, für die der Abnehmer gegenüber dem Factor haftet

Der Unterschied zum normalen Factoring ist der, dass es beim Reverse Factoring nur auf die Bonität des Abnehmer ankommt, nicht aber die Bonität des Lieferanten. Klingt erst einmal logisch und vernünftig, da so ein kleiner Lieferant die eigene Liquidität besser gestalten kann.

Doch das System hat einen Haken, es kann von der Abnehmerseite her gespielt werden, denn Verbindlichkeiten mit einem Zahlungsziel unter xxx Tagen, müssen, je nach Bilanzierungsregel, nicht als Darlehensaufnahme in der Bilanz angegeben werden. Auch spielt die Definition von Verbindlichkeiten in einem Vertrag über eine Kreditlinie mit einer Bank hinein, denn auch dort kann es vorkommen das die Verbindlichkeiten aus dem Reverse Factoring nicht einbezogen werden müssen.

Das ist der eigentliche Clou, die Verschleierung der gesamt Verbindlichkeiten auf Seiten der Abnehmer.

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Versteckte Verbindlichkeiten

Carillion war anscheinend ein Meister im Reverse Factoring, denn ihre angegebenen Verbindlichkeiten lagen bei nur 219 Millionen GBP. Dazu gesellten sich versteckte Verbindlichkeiten in Höhe von 400 bis 500 Millionen GBP, die mithilfe des Reverse Factorings verborgen blieben.

Die Finanzielle Lage des Konzerns spitzte sich im Jahr 2017 zu und in Folge des finanziellen Stresses wurden die Kreditlinien für das Einkaufs- bzw. Lieferantenfactoring Fällig gestellt. Damit war die Liquidität nicht mehr gegeben und der Konzern rutschte in die Insolvenz.

Leider ist Carillion kein Einzelfall, denn wie Fitch in ihrer Untersuchung feststellte, ist es eine weit verbreitete Technik. Fitch untersuchte dafür die Bilanz von 337 Unternehmungen weltweit und kam zu dem Ergebnis, dass im Zeitraum von 2014 bis 2017 die Finanzkennzahl „Payable Days“ um 17% angewachsen ist. Diese lag damit im Jahr 2017 bei 96 Tagen, wobei allein im Jahr 2017 die Kennzahl um 6% angestiegen ist.

Insgesamt verstecken die 337 untersuchten Unternehmungen Verbindlichkeiten in Höhe von ca. $327 Milliarden unter dem Posten „Other Payables“ bzw. „Accounts Payable“.

Solch eine Bilanzierungsmethodik erinnert auf gewisse Art und Weise an den Bob-Rubin Trade. Dahinter versteckt sich die Verlagerung von Risiken in die Zukunft, bei gleichzeitiger Abschöpfung von den dadurch entstandenen kurzfristigen Vorteilen.

Es ist eindeutig ein Risiko für die Gläubiger und Aktionäre einer Unternehmung, wenn die Verbindlichkeiten aus dem Reverse Factoring nicht eindeutig, als eben solche in der Bilanz geführt werden. Dahinter muss keinerlei kriminelle Energie stecken oder dergleichen. Der Grund für den lockeren Umgang mit dieser Art der Verbindlichkeiten ist im Glauben an die Unfehlbarkeit der Financial Engineering Modelle zu finden. Das Management sieht die kurzfristige Cash Flow Optimierung und ist zufrieden, da in ihrer Linearen Betrachtung der Risiken, alles händelbar ist. Doch diese Herangehensweise ist außerordentlich Konkav und gehört damit zum Short Volatility Universum.

Ein Irrglaube, wie es sich bei Carillion gezeigt hat.

Die Beziehung zwischen den beim Reverse Factoring beteiligten Parteien erinnert irgendwie an eine Art Wechsel. Ein Finanzinstrument, dessen Ausgestaltungsmerkmale und der rege Handel mit diesem zu der Liquiditätskrise im Jahr 1763 geführt hatte. Das geschah damals aufgrund der innigsten Verquickung der Risiken zwischen den Handelshäusern, Banken und Manufakturen.

Ein solcher Risikokreislauf wäre auch im Fall des Reverse Factorings möglich. Jedenfalls trägt die jetzige Spielart der Lieferantenfinanzierung nicht zur Stabilität des Finanz- und Unternehmenssektors bei.

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