„Morgen bin ich Millionär…“ – Von der Erwartungshaltung vieler Trader

Nach nun etwas über 2 Jahren, die ich mich mit dem Trading beschäftige sowie meinen Blog führe, durfte ich viele Trades auswerten, einige Strategien testen und vor allem zahlreiche Fragen beantworten, die in die Richtung gehen „Warum bist du nach bald 2 Jahren mit dem Trading noch nicht reich geworden? Und warum machst du das überhaupt noch?“. Mit Sicherheit eine berechtigte Frage, aus der Perspektive von Außenstehenden. Die eigentliche Frage ist allerdings eher „Welche Erwartungshaltung hast du an das Trading?“.

 

 

Fakten schaffen

Wie du sicherlich weißt verlieren die meisten Trader an der Börse Geld. Wenn es Verlierer gibt, muss es auch Gewinner geben, schließlich ist die Börse eine Umverteilung der Gelder. Wenn es Gewinner gibt, stellt sich zudem die Frage ob es auch konstante und wiederkehrende Gewinner gibt, die eine „Winner takes it all“ Mentalität verfolgen und damit auch erfolgreich sind. Auch diese Frage lässt sich beantworten, wenn man etwas recherchiert und sich qualitativ damit beschäftigt. Es gibt definitiv Gewinner an der Börse!

 

Statistisch gesehen bist du somit von Anfang an auf der Verliererseite. Doch die Frage was die „Gewinner“ nun anders machen, stellen sich die Meisten gar nicht. Es geht nicht um das Verständnis für das „Große Ganze“, sondern um den kurzfristigen Erfolg. Wer sich für Erfolg entscheidet, der tut dies bewusst (Quelle: Dirk Kreuter) und geht somit einen steinigen Weg.

 

Nach diesem Schema muss es demnach ein System geben oder zumindest eine „logische“ Erklärung dafür, wie diese Menschen ihr Geld an der Börse verdienen. Wenn es ein System oder eine Erklärung dafür gibt wie etwas funktioniert, dann kann dieses auch erlernt bzw. angeeignet werden.

 

Das „Problem“ im Zusammenhang mit der Erwartungshaltung entsteht meiner Meinung nach dadurch, dass die zur Verfügung stehenden Medien ein Bild vom Trading schaffen, was oftmals sehr „romantisch“ ist. Trading ist weder besonders spannend, noch verspricht es das schnelle Geld. Social Media, Lamborghinivideos, Traden vom Strand und selbsternannte Experten tun ihr übriges. Leider ist die Gier der Meisten größer als die rationale und kritische Auseinandersetzung mit dem ganzen Thema, weshalb man schnell dieses „Das kannst du auch“-Konzept kauft und damit Gefahr läuft auf den Hintern zu fallen.

 

Somit kann man zusammengefasst sagen: Es gibt SEHR viele Verlierer und SEHR wenige, dafür aber SEHR profitable Gewinner an den Märkten. Das Trading kann grundsätzlich erlernt werden. Die Hauptgründe für die Erwartungshaltung im Zusammenhang mit dem Trading sind meiner Meinung nach durch die falsche Darstellung der Medien geprägt.

 

 

„Hier gibt es keinen Fisch – bei uns lernt man angeln“

Wir haben festgestellt, dass das Trading erlernbar sein muss, sonst würde es die mittel- und langfristig profitablen Trader am Markt gar nicht geben. Jetzt stellt sich die Frage wie genau das Trading nun erlernt werden kann bzw. welche Möglichkeiten es diesbezüglich gibt. Folgendes kann ich für mich persönlich grob zusammenfassen:

 

  • Präsenzseminare/Workshops
  • Webinare bzw. Online-Lernkurse
  • Es sich selbst beibringen, mit Hilfe von Büchern, Try-and-Error, Youtube usw.
  • Coachingkonzepte (Einzelstunden, Jahresabos, privates Intensivcoaching etc.)

 

Jeder der Ansätze bringt sicherlich Vor- und Nachteile, die eigentliche Frage die sich hier stellt ist welche Erwartungshaltung du an das gewählte Lernmedium/-konzept stellst. Wenn ich mir Kommentare durchlesen, dann habe ich oft das Gefühl, dass die meisten wirklich denken man könnte Trading innerhalb von einigen wenigen Wochen/Monaten alleine lernen. Das ist in etwa so realistisch, wie sich selbst im selben Zeitraum eine schwierige Fremdsprache beizubringen. Ohne den Austausch mit anderen, wird man eine Hürde niemals überschreiten, seine Schwachstellen nicht herausarbeiten und darauf basierend diese nicht gezielt „beseitigen“ können. Ich möchte mit Sicherheit keine Werbung für Coachings machen, aber ich spreche hier aus Erfahrung, wenn ich sage, dass ein guter Coach dich um viele Monate voranbringen kann … leider kann dich ein schlechter auch um viele Monate „zurückwerfen“.

 

Die Kernfrage hier ist aber eine andere, und zwar „Wie lange denkst du dauert es um mit Trading profitabel zu werden?“. Hier geht es gar nicht um eine konkrete Angabe, sondern darum den Trugschluss aus deinem Kopf zu kriegen, dass du es innerhalb weniger Wochen/Monate mit einem geringen Zeitaufwand lernen könntest. Eine Ausbildung oder ein Studium dauert Jahre und zwar in Vollzeit. Warum also kommt jemand darauf, dass das mit dem Trading anders wäre?

 

Somit kann man zusammengefasst sagen: Trading lässt sich erlernen, braucht jedoch Zeit, Eigeninitiative und viel Engagement, ähnlich einer Ausbildung. Ein guter Coach kann dich um Monate voran bringen, ein schlechter um Monate zurückwerfen.

 

 

Mindset … weil die Begriffe „Tradingpsychologie“ und „Psychologie“ verbraucht sind …

Das Thema ist vermutlich schon x-mal behandelt worden und ich denke du weißt auch wie wichtig das eigene Mindset ist. Auf die Erwartungshaltung bezogen spielt es jedoch eine noch wichtigere Rolle, weil damit letzten Endes deine gesamte Planung und Zielsetzung, bezogen auf das Trading, zusammenhängt. Es gibt interessante Untersuchungen mit Absolventen von Universitäten und dem Verschriftlichen von Zielen. So viel sei gesagt, Absolventen die Ihre Ziele aufgeschrieben haben, haben diese eher und/oder erfolgreicher erreichen können, als die die es nicht taten.

 

„Warum willst du Trader werden?“

 

Diese Frage solltest du dir im Detail durch den Kopf gehen lassen, bevor du überhaupt den ersten Schritt machst. Die Frage warum du Trader werden willst ist essenziell. Die ganzen Gründe wie Geld, ein schönes Auto etc. sind eigentlich nur ein materieller Vorwand für etwas das tiefer liegt. Geld möchte man, weil man frei sein will von etwas anderem, unabhängig von seinem/einem Job usw. Das Auto dient ggf. als Statussymbol für den Nachbar, damit man es dem Mal „so richtig zeigen“ kann. Ich möchte dieses Thema nicht weiter ausbreiten, nur die eigentliche Kernfrage noch einmal wiederholen.

 

„Warum willst du Trader werden?“

 

 

Lösungsansätze für eine „falsche“ Erwartungshaltung

Ich bin kein Psychologe und weit davon entfernt dir qualitative Ratschläge zu geben, wie du mit deiner Erwartungshaltung umzugehen hast. Meine Lösungsansätze sind alle aus persönlichen Erfahrungen und dem Selbststudium entsprungen, somit kann ich keinen fachlichen Nachweis erbringen, doch so banal diese Tipps auch zu sein scheinen, sie helfen doch ungemein.

 

1.) Schreib dir einen Trading- bzw. Businessplan, bevor du mit dem Trading beginnst. Dieser sollte vor allem deine wahren Ziele, Möglichkeiten und Gegebenheiten beinhalten. Lass die Vorwände weg und schreib ehrlich auf warum du etwas wie machen möchtest. Wie deine Familie dazu steht etc. Das ist die Basis dafür wie du an das Trading rangehen wirst.

 

2.) Nach dem du deinen Businessplan aufgestellt hast, solltest du diesen noch einmal kritisch betrachten, das heißt dir vor Augen führen ob du WIRKLICH die 2-3 Std. pro Tag hast oder ob das nur eine gewollte Planung in deiner Vorstellung ist.

 

3.) Schreib deine Erwartungshaltung an deine gewählten Ansätze nieder. Das heißt wie du das Trading lernen willst, warum dieser Weg gewählt wurde. Erstelle auch einen Zeitstrahl bis wann du was gelernt haben möchtest und warum du denkst dass das umsetzbar und realistisch ist. Dazu zählt auch deine „gewünschte“ Performance, die ja auch eine Darstellung deiner Erwartungshaltung ist.

 

4.) Nach dem du deine Erwartungshaltung aufgeschrieben hast, solltest du auch diese noch einmal kritisch betrachten, das heißt schau dir an was da genau steht und hinterfrage deine Gründe.

 

Erst durch die Selbstreflexion kannst du überhaupt verstehen wie du eigentlich tickst. Die meisten Menschen wissen nicht wieviel bei uns durch das Unterbewusstsein gesteuert wird und glauben tatsächlich daran dass sie sich selbst kennen würden. Selbstbewusstsein entsteht dadurch dass man sich mit sich selbst auseinandersetzt und dadurch das Bewusstsein für die eigene Persönlichkeit schafft. Das braucht etwas Zeit, ist allerdings eine große Hilfe für die emotionale Kontrolle im Trading. Durch Selbstbewusstsein entsteht Selbstsicherheit und dadurch im Nachgang auch Selbstvertrauen. Erst wenn du in deine Fähigkeiten vertrauen kannst, wirst du auch die emotionalen Hindernisse im Trading „kontrollieren“ lernen.

 

 

Schlussworte

Dieser Artikel ist bewusst in vielen Punkten knapp gehalten, ich möchte hiermit nicht aufklären, sondern sensibilisieren. Am Ende des Tages ist alles eine Frage des eigenverantwortlichen Handelns. Wenn du nur 2 Std. pro Monat investieren kannst, mach nicht jemand anderen für deine Ausbildungsfortschritte verantwortlich. Nur weil dir jemand eine schöne Performancekurve zeigt, die dir 5.000 Euro in 3 Tagen verspricht heißt das weder das diese wahr ist, noch das du diese Performance erreichen kannst. Bleibt auf dem Teppich, wenn es darum geht Tradingziele zu formulieren und sieh das Trading vor allem langfristig.

 

Im Trading ist es so, dass anfänglich sehr viel Freizeit dafür herhalten muss, dass eine Erwartungshaltung für eine Belohnung, die weit in der Ferne liegt, geweckt wird. Damit kommen die meisten nicht klar und werfen früh das Handtuch, aber so wie wir auf eine Rente mit 67 (bei mir vermutlich mit 70) spekulieren und darauf „hinarbeiten“, sollte man auch die investiere Zeit für das Trading als ein langfristiges Investment sehen. Das Thema Zinseszins spielt hier eine riesen Rolle. Wenn du in 5-10 Jahren einige hundert oder tausend Euro im Jahr für dich und deine Familie machen kannst, weil du vorher Teile deiner Freizeit dafür geopfert hast um es zu erlernen, dann kann das doch so schlecht nicht sein. Aber auch hier musst du ehrlich zu dir selbst sein und herausarbeiten ob du wirklich diese Zeit hast. Dein Businessplan hilft dir dabei genau das festzustellen.

Ich wünsche dir viel Erfolg, eine kritische Denkweise, vor allem dich selbst und deine Handlungen betreffend, sowie einen langfristigen Blick auf das Trading, das leider oftmals als viel zu kurzfristiges Konzept verkauft wird!

 

Gruß

Johann Siemens von tradingreise.com

Johann Siemens

Johann Siemens ist im Dezember 2015 mit einem kleinen Echtgeldkonto im Devisenhandel gestartet und bietet auf seinem Blog tradingreise.com interessierten Lesern Einblicke in seine Entwicklung und Gedankengänge zum Thema Tradingpsychologie und statistische Ansätze im Trading.

    Ein Gedanke zu „„Morgen bin ich Millionär…“ – Von der Erwartungshaltung vieler Trader

    • Oktober 3, 2017 um 10:08 am
      Permalink

      Hallo Herr Siemens,

      einen sehr guten und treffenden Artikel, den Sie da verfasst haben. Zu beachten ist vor allem, daß nicht alle, die ihr Geld an den Märkten verlieren, automatisch gleich als Trader zu bezeichnen sind. Wenn blutige Anfänger oder Zocker einen kleinen Betrag auf ein Handelskonto einzahlen und nach dem Kasinoprinzip auf ROT oder SCHWARZ setzen, hat das ja mit Trading nichts zu tun.

      Wie Sie ja schon schrieben, ist Trading harte arbeit und erfordert einen Plan. Daneben spielt m.E. aber auch die Kontogröße, eine verifizierte Handelsstrategie und ein realistisches Money- und Risikomanagement eine entscheidende Rolle.

      Beste Grüße

      Andreas Cara

      Antwort

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