Mehr Schein als Sein – Das Geschäft mit den Expert Advisor

Die Börse – und ganz besonders das aktive Daytrading – lockt mit dem Versprechen vom „schnellen Geld“ oder zumindest der vielbeschworenen „finanziellen Unabhängigkeit“. Seinen Lebensunterhalt von zu Hause mit einigen Mausklicks am Tag zu verdienen, hat sicher seinen Reiz. Doch wer sein erstes Handelskonto eröffnet und die ersten Trades platziert hat, wird vermutlich relativ schnell merken, dass es auch an der Börse kein „free money“ gibt. Einschlägige Statistiken über das Totalverlustrisiko von privaten Daytradern, etwa unter Verwendung von CFD, sprechen eine eindeutige Sprache. Allerdings bietet jede bessere Handelsplattform seinen Anwendern eine Vielzahl von Indikatoren. Aus diesen lassen sich dann Expert Advisor erstellen die den Erfolg an der Börse bringen sollen. Oftmals finden diese Expert Advisor dann den Weg in den Handel. Das Geschäft mit den Expert Advisor hat allerdings Schattenseiten.

 

Indikatoren als Heiligen Gral im Trading?

Gerade Anfänger bekommen das Gefühl, sie müssten nur die richtigen Indikatoren-Settings herausfinden, dann erhielten sie ein System, das die Gewinne geradezu magisch anzieht. Diese Hoffnung ist sicherlich verständlich, allerdings ist dies jedoch ein Trugschluss.

Ein Indikator zeigt im Grunde nur das an, was auch der nackte Chart zeigt, jedoch mit zeitlicher Verzögerung und oftmals in geglätteter Form. Eine Vorausschau ist mit Ihnen unmöglich zu erzielen.

Soviel zu Indikatoren im Allgemeinen, bevor ich auf das eigentliche Thema dieses Artikels zu sprechen komme…

 

Eine Abkürzung zum schnellen Geld

Jeder Trading-Neuling, dem die großen Erfolge erwartungsgemäß nicht in den Schoß fallen, wird sich wahrscheinlich im Internet über Ideen zu Setups interessieren, die wirklich funktionieren. Ich muss gestehen, ich war und bin an der Stelle nicht anders. Ich durchstöbere die einschlägigen Seiten noch heute nach interessanten Ansätzen. Nicht zuletzt in der Hoffnung, vielleicht doch noch den „Heiligen Gral“ zu finden.

In dieser Hinsicht muss ich manchmal über mich selbst schmunzeln, denn eigentlich weiß ich ganz genau, dass es auf der Welt kein einziges (zumal frei verfügbares) Setup gibt, mit dem ich in Zukunft nur noch gewinnen werde. Pauschal kann man gute und schlechte Online-Ratgeber dadurch unterscheiden, dass die guten zwar verschiedene Indikatoren und Handelsansätze erklären, aber vor allem auch auf die Grenzen und Risiken der Methoden eingehen. Relativ schnell wird man dann auch auf Angebote stoßen, die kostenpflichtig sind.

 

Kostenpflichtige Angebote versprechen oft hohe Renditen

Hier werden dann sogenannte „Templates“ oder „Expert Advisor“ (EAs) angeboten. Die Preisspanne liegt dabei zwischen Werten im unteren zweistelligen Bereich bis hin zum mittleren vierstelligen Bereich. Gerade die kostspieligeren EAs werden oft mit eindrucksvollen Equity-Kurven aus Backtests unterlegt. Da zeigt dann schon mal eine Performancekurve ohne wesentliche Rücksetzer stramm nach oben und der Anbieter wirbt mit einem Verdienst von 100.000 Dollar (oder mehr) innerhalb eines Jahres.

Keine Frage, solche Kurven sind beeindruckend und gespickt mit dem Output einer Statistik-Software bekommt das Ganze dann auch noch einen wissenschaftlichen Touch. Wer auf der Suche nach dem „Heiligen Gral“ ist, wird sich vielleicht denken „Hey, was sind die 500 Dollar für diesen Expert Advisor? Immerhin kann ich mit diesem 100.000 Dollar verdienen. Good Deal!“

Der eigentliche Code des Templates bleibt dem Interessierten freilich verborgen, was aber kein Vorwurf sein soll, denn:

Habe ich ungezählte Stunden in die Entwicklung eines Trading-Setups geschickt, würde ich diese Handelslogik natürlich auch nicht für jedermann frei einsehbar im Internet veröffentlichen.

 

Nicht alle Expert Advisor sind nutzlos

Ich will keineswegs sagen, dass alle EA und Templates vollkommen nutzlos sind und schon gar nicht will ich pauschal allen Anbietern betrügerische Absichten unterstellen. Es gibt durchaus Programme, die eine große Hilfe sein können.

Zum Beispiel gibt es automatische Trendlinien- oder Wolfe Wave-Erkennungen, die ich persönlich für sehr hilfreich halte.

Seriöse Anbieter sind von den unseriösen nicht unbedingt durch den Preis zu unterscheiden, sondern vielmehr dadurch, dass sie ihre Angebote deutlich weniger aggressiv und marktschreierisch bewerben und eben auch auf die Risiken hinweisen. Angebote, die mir risikolosen Reichtum versprechen, sortiere ich inzwischen von vornherein aus.

 

Mein eigener Super-EA

Nehmen wir an, wir haben den 7. November 2016. Mein Trading verläuft nicht sehr erfolgreich, aber ich bin ideenreich und möchte meine Haushaltskasse mit dem Verkauf eines Templates aufbessern…

Entwickelt habe ich ein System, welches kauft, wenn ein SMA über 7 Perioden einen SMA über 28 Perioden nach oben kreuzt, wenn gleichzeitig der ADX über 5 Perioden größer ist als 36.

Eine Short-Position wird eingenommen, wenn der SMA[7] den SMA[28] nach unten kreuzt, ebenfalls von der ADX[5] über 36 notiert.

Eine Take-Profit wird vom Einstiegszeitpunkt eine dreifache Average True Range entfernt gesetzt, der Stop Loss befindet sich eine sechsfache ATR entfernt.

Dies ist freilich ein sehr unattraktives CRV, aber lassen wir die Statistik sprechen:

Geschäft mit den Expert Advisor
Eine perfekte Kapitalkurve
Geschäft mit den Expert Advisor
Backtest des Expert Advisor

Ausweislich meiner Daten hat das System innerhalb von 39 Monaten ca. 148.000 Euro Rendite im DAX erwirtschaftet! Dieses Ergebnis war mit einem Startkapital von 100.000 Euro und dem Handel eines FDAX-Kontraktes möglich. Was für eine Leistung!

Umgerechnet entspricht das einem Gewinn von über 150 Punkten im DAX pro Monat, unabhängig davon, ob wir uns in einem Bären- oder einem Bullenmarkt befanden. Die Monatsperformance sieht ebenfalls beeindruckend aus. Nur drei kleine rote Balken bei mehreren hübschen, großen grünen Balken sind zu erkennen.

Nun bastle ich mir eine Website, pflege diese Grafiken ein und werbe mit „Earn up €50.000 per year with this wonderful template! Your way to financial freedom for only €100,00!!!“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den einen oder anderen Abnehmer finden würde…

 

Was die Statistik verbirgt

Diese Performance-Kurve ist jedoch keinem ausgeklügelten System zu verdanken, sondern sogenanntem „Curve-Fitting“. In meiner Handelsplattform habe ich die Variablen-Optimierung so genutzt, dass sie die Werte für die SMA und den ADX so optimiert, dass die beste Kombination herauskommt.

Niemand sieht, dass die Werte mit einem SMA[5] und einem SMA[20] deutlich schlechter wären. Nach dem Backtest-Zeitraum brechen die Ergebnisse sodann auch ein:

Geschäft mit den Expert Advisor
Kapitalkurve in der Realität
Geschäft mit den Expert Advisor
Auswertung des Expert Advisor

Wie man sieht, sind die großen grünen Balken langen roten Balken gewichen! Mein Käufer hat also nicht nur die 100 Euro für das Template investiert, er hat zusätzlich auch noch erhebliche Trading-Verluste erlitten. Geplatzte Träume von finanzieller Freiheit gab es obendrauf.

 

Finger weg von Expert Advisor?

Wie ich oben schrieb, sind natürlich nicht alle Anbieter von Expert Advisor / Templates Betrüger. Es gibt durchaus sinnvolle Angebote. Aggressive Werbung, hochtrabende Versprechen und allzu schöne Equity-Kurven sprechen jedoch in der Regel gegen einen Kauf. Der Interessent hat wahrscheinlich gerade kein seriöses Angebot vor Augen. Ich habe an dieser Stelle in meinem Umfeld schon so einige Erfahrungen gemacht.

Jemandem, der unbedingt ein Template oder einen EA kaufen will, rate ich deshalb immer, dieses System zuerst nur im Demo-Modus laufen zu lassen und ausgiebig zu erproben. Sollte das Angebot ein Rohrkrepierer sein, sind immerhin nur die Kosten für das Template versenkt und es sind keine zusätzlichen Trading-Verluste aufgelaufen. Viele mir bekannte (Hobby)-Trader haben schon Templates gekauft und ich muss leider sagen, dass noch niemand einen Fang dabei hatte, der die Versprechungen auch gehalten hat.

 

Das Geschäft mit den Expert Advisor – Alternativen existieren

Wer nicht die Lust oder Fähigkeiten hat, ein eigenes Setup zu entwickeln und von kostenpflichtigen Templates mit „Black Box“-Charakter abgeschreckt wurde, dem stehen dennoch Möglichkeiten offen, von der Expertise anderer Trader zu profitieren.

Es gibt etliche Social- und Copy-Trading-Angebote, die in der Regel eine frei einsehbare und auch nicht manipulierbare Equity-Kurve aufweisen. Eine sehr gute Übersicht zu diesem Thema gibt es zum Beispiel bei Trading-der-Besten.

Doch auch hier gilt es, die wichtigsten Kennziffern zu studieren und wenn möglich aufgelistete Trades zu betrachten, um böse Überraschungen zu vermeiden. Ein Garant für schnellen Reichtum dürften allerdings auch diese Angebote eher nicht sein.

Ich wünsche Ihnen eine glückliche Hand bei dem Geschäft mit den Expert Advisor, aber auch all Ihren anderen Entscheidungen,

Ihr Thorsten Kock

 

 

Thorsten Kock

Thorsten Kock hat sich auf Ausbruchshandel und Scalping unter Zuhilfenahme mechanischer Ein-/Ausstiegsregeln spezialisiert. Unter Verwendung klassischer Methoden der Charttechnik optimiert er diese ständig und lässt Sie hier daran teilhaben.

    2 Gedanken zu „Mehr Schein als Sein – Das Geschäft mit den Expert Advisor

    • November 10, 2017 um 11:32 am
      Permalink

      Super ausführlich dargelegt, vielen Dank. Der Kollege von „Trading der Besten“ ist hier ebenso vertreten. Wird bestimmt noch einen Satz beifügen.

      Viele Grüße
      Martin

      Antwort
    • November 13, 2017 um 7:58 pm
      Permalink

      🙂 Vielen Dank für den Artikel und die freundliche Erwähnung. Ähnliches Thema hatte ich bei mir im Mai letzten Jahres.
      https://www.trading-der-besten.de/automatische-handelssysteme/trading-roboter-sinnvolle-alternative-oder-geldvernichtung/
      Wer sich erinnert, Uwe Schubert von inveus (tradingawards.net) hatte damals auch ein Projekt laufen, bei dem er einige populäre EA’s auf Echtgeldkonten getestet hatte. Es wurde nach kurzer Zeit eingestellt… In der diesjährigen EA Challenge von ihm gab es zwar auch einige Teilnehmer mit guten Ergebnissen, schau aber nicht auf den DD… Nicht umsonst ist in der Neuauflage 2018, die Uwe auf der World of Trading vorstellen wird (einen Vortrag gab’s ja schon bei den IB Days – siehe auf youtube), keine EA Challenge mehr vertreten. Die Gründe kann sich jeder an 2 Fingern ausrechnen. Den Beitrag von Thorsten hier sollte sich jeder verinnerlichen, der glaubt, ein EA könnte ihn retten…
      Also nochmals vielen Dank für den Beitrag

      Antwort

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